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Friaul - eine Reise zu den schönsten Orten

Aktualisiert: 15. Juli

Ein erster Halt für einen Caffè in einer Bar in Tarvisio ist Bestandteil eines festen Rituals, sobald ich die Grenze nach Italien passiert habe. Ein kurzes Gespräch mit der Barista auf Italienisch ist für mich der Moment, in dem ich das Gefühl habe, wirklich angekommen zu sein. Ich lasse mich erwartungsfrei auf das Kommende ein: andra`come andra`- es kommt, wie es kommt. Ich bin bereit.



Am Nachmittag erreiche ich Illegio, das Bergdorf in der Nähe von Tolmezzo. Die diesjährige Ausstellung ist mein Ziel und ich gehe gleich nach dem Einchecken zur Casa delle Esposizioni, in der seit 2004 jährlich Kunstausstellungen stattfinden. Dorfentwicklungen, wie diese in Illegio, zeigen Innovationskraft, Zusammenhalt und den Mut, etwas zu unternehmen, um ein Dorf zu retten. Überall herrscht gute Stimmung. Ich werde freundlich begrüßt. Das diesjährige Thema ist zu spüren, denn dieses Jahr steht die Ausstellung im Zeichen des Dialogs.



Il Dialogo 2026 präsentiert rund fünfzig bedeutende Werke vom 17. bis zum 20. Jahrhundert, darunter Gemälde von Caravaggio, Stomer, Chagall und Picasso. Im Mittelpunkt steht der Dialog als Brücke zur Überwindung von Konflikten und zur Förderung von Frieden.

Eine zeitlose Botschaft, die in einer sehr intensiven Symbolik und auf unterschiedliche Art das Spannungsfeld zwischenmenschlicher Beziehungen, Spiritualität und der Suche nach Wahrheit ausdrückt. Die Ausstellung geht bis 8. November 2026.



Davon tief beeindruckt spaziere ich im Anschluss durch den mir so liebgewonnenen Ort. Vorbei an der Mulin dal flec, dieser historischen Mühle aus dem 16. Jahrhundert. Sie ist bis heute funktionsfähig. Am talwärts brausenden Bach entlang steige ich den schmalen Pfad hinunter und bewundere die murales, die Wandmalereien an den Häusern. Sie zeigen in ihrer naiven Malkunst das traditionelle, vom Bergbauerndasein geprägte Leben des Ortes. Ein schönes Kontrastprogramm zu den eben gesehenen Kunstwerken in der Ausstellung. Zum Taufkirchlein Pieve di San Floriano bin ich Jahre zuvor schon gewandert. Der Ausblick von dort oben ist überwältigend. Doch nun ist es Zeit für meine cena und den aperitivo davor. Beides genieße ich im La Buteghe di Pierute.




Mein Ziel am nächsten Tag ist Casarsa, wo ich im Vorfeld das Hotel Al Posta für 3 Nächte gebucht hatte. Auf der Hinfahrt entscheide ich spontan, dem Städtchen Venzone einen Besuch abzustatten. Diesmal ist auch die Friedhofskapelle neben der Kirche geöffnet, in deren Krypta die berühmten Mumien von Venzone in Glassarkophagen ausgestellt sind. Diese natürlich konservierten Leichen wurden im 17. Jahrhundert entdeckt, die älteste ist aus dem 14. Jahrhundert. Der Film Fluch der Mumie kommt mir unmittelbar in den Sinn, und ich verlasse schleunigst diesen gruseligen Ort.

Während ich Eis esse, beobachte ich die Horden von Radlern, die auf der Piazza einfallen. Sie sind auf dem Alpen-Adria-Trail nach Grado unterwegs. Für mich ist hier viel zu viel Betrieb und ich verlasse Venzone. In Sedigliano finde ich das Ristoro agrituristico mit dem vielversprechenden Namen Ca di Poete. Ein großzügiger Parkplatz unter Bäumen, ein köstliches pranzo mit hausgemachter pasta - Herz, was willst du mehr.


Häufig werde ich gefragt, wie ich die Orte finde, über die ich schreibe. Meine Antwort ist einfach: Die Orte finden mich. Und die Geschichten entstehen von selbst. So ist das, wenn man in einem Zustand der vollkommenen Gegenwärtigkeit unterwegs ist.  



Diese Grundhaltung bestätigt sich auch auf dieser Reise. Nach dem Einchecken im Hotel mache ich einen Erkundungsspaziergang durch den Ort. Auf einmal erinnere ich mich, warum dieser Ortsname mit irgendeinem wichtigen Kontext in Zusammenhang steht. In Casarsa befindet sich das Centro Studi Pier Paolo Pasolini. Die Casa Calussi, das Haus seiner Mutter wurde zum Museum umgebaut. Hier wohnte PPP, bevor er nach Rom ging und berühmt wurde. Schon sehr ergreifend, vor seinem Arbeitstisch zu stehen und seine Schreibmaschine zu berühren.

Pier Paolo Pasolini: Schriftsteller, Dichter, Regisseur und Intellektueller. Berühmt geworden durch Romane, Gedichte und vor allem durch seine Filme. In seiner Zeit von den einen hochgelobt und von anderen tief verachtet. 1975 fand man ihn ermordet am Strand von Ostia bei Rom. Um seinen gewaltsamen Tod ranken sich abstruse Theorien und ist bis heute nicht lückenlos aufgeklärt. Lange streife ich durch diese Räume – zum Glück bin ich allein – und betrachte die handgeschriebenen Manuskripte, Fotografien und persönlichen Dinge.


Valvasone, dieses borgho piu bello ist wenige Kilometer von Casarsa entfernt. Es ist Mittagszeit und der Ort scheint wie ausgestorben. Zum Glück ist die Trattoria Il Torro geöffnet und ich genieße mein pranzo, bevor ich mich auf einen Rundgang durch diesen bezaubernden Ort begebe.

 



Die Entdeckerin in mir ist geweckt und will mehr.


Sacile zählt ebenfalls zu den borghi più belli d' italia. Es liegt strategisch günstig am Fluss Livenza, auf dem einst wichtigen Handelsweg nach Venedig. Die Palazzi und diversen architektonischen Zeugen im Renaissance-Stil spiegeln den einstigen Reichtum wider.  Ich stehe auf der fast menschenleeren Piazza del Duomo, im Hintergrund die Kirche San Nicolò, die dem Schutzpatron der Stadt und der Flussschiffer geweiht ist. Während das Innere wertvolle Kunstschätze birgt, ragt gleich daneben der weithin sichtbare Campanile auf.





Auf der Rückfahrt besuche ich den Friedhof, wo Pier Paolo Pasolini begraben liegt. Obwohl die Einheimischen ihn wegen seiner Homosexualität mobbten und er den Ort beinahe fluchtartig verlassen musste, verfügte er, dass er hier neben seiner Mutter bestattet wird.

Die Stadt Casarsa würde ohne ihren berühmten Sohn in der Unbedeutsamkeit versinken.


Geografisch betrachtet befinde ich mich im Westen des Friaul in der Provinz Pordenone. Am folgenden Tag besuche ich Cordovado mit seinem mittelalterlichen Charme. Auch hier gibt es viel zu entdecken: eine gut erhaltene Burg, prächtige Renaissance-Paläste und einen historischen Rosengarten. Nach meinem Rundgang finde ich eine kleine Bar mit Gastgarten. In ihr befindet sich sogar ein tabacchi und das einzige warme Gericht des Tages, eine hausgemachte Spinatlasagne. Einfach und gut, mehr ist nicht nötig.


Einem guten Freund und Kenner dieser Region verdanke ich diesen Tipp: die Villa Tissano südlich von Udine. Sie ist mein letzter Halt, bevor ich die Heimreise antrete. Auf der Hinfahrt lege ich einen Stopp in San Vito al Tagliamento ein. Das letzte borgho piu belli d`italia auf dieser sehr eindrucksvollen Reise.

Vor allem diese Dichte der Kunstschätze in sakraler und profaner Richtung war unerwartet und überraschte mich jeden Tag aufs neue.

Ich betrete die Piazza del Popolo mit ihren Bogengängen und Palazzi. Sie zeugen von der ehemaligen Bedeutung dieser Stadt. Fröhliches Gelächter ist aus einer Bar zu hören, und die Luft ist erfüllt von Lebensfreude und Leichtigkeit.


Auf der Rückseite des Antico Teatro Sociale finde ich einen romantischen Park, auch der Dom bietet in seinem Inneren Kunst aus verschiedenen Epochen. Neben ihm ragt imposant der 73 Meter hohe Campanile auf.



Wie sehr genieße ich beim Weiterfahren diese malerische Provinz, wo Hügel und Weingärten einen sanften Kontrast in die Weite der Ebene setzen. Hier reifen die besten Weine des Friaul heran.


Am Nachmittag komme ich in der Villa Tissano südlich von Udine an. Es ist einer dieser Landsitze die ab dem 16. Jahrhundert von reichen Kaufleuten und Adeligen errichtet wurden. Diese Villen im Friaul wurden gut recherchiert und beschrieben von Christoph Ulmer in seinem Buch Die Villa im Friaul (Verlag Böhlau). Der Park mit seinen romantischen Wegen, die Steinskulpturen entlang dieser, sowie der Seerosenteich und das Labyrinth vervollständigen das romantische Ensemble. Ich bin Contessa für einen Tag. Danke, lieber Georg Köhler für diesen Tipp.




Persönliche Empfehlungen:

https://illegio.it/ Es wird sehr empfohlen, zu reservieren, vor allem an Wochenenden.

https://borghipiubelliditalia.it/borghi/ Die Plattform, wo diese "schönsten Dörfer" nach Regionen gelistet sind.

Pier Paolo Pasolini Museum in Casarsa


Lust auf mehr Italien? In meinem Büchern Italia da sola und Italian Sprizz (Verlag Mohorjeva/Hermagoras) gibt es jede Menge davon: https://www.ingeborghofbauer.com/b%C3%BCcher-und-publikationen


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