Leuchttürme des Lebens – von äußeren Reisen und innerer Orientierung
- Ingeborg Hofbauer
- 8. März
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 23. März

Diese Geschichte handelt von Leuchttürmen, denen ich auf meinen Reisen begegnet bin. Und davon, wie sie mich immer wieder an meine inneren Leuchttürme erinnerten – als Symbole für Hoffnung, Vertrauen, Sicherheit und Orientierung.
Am Ende der Welt.
Ein Erlebnis am Kap Finisterre hat sich tief in meine Seele eingebrannt. Für viele Jakobspilgerinnen und Jakobspilger ist hier das Ende ihrer Pilgerwanderung und gleichzeitig auch der Anfang für ein Leben danach. Die Gruppe, die ich als Reiseleiterin begleitete, fand sich hier ein, um den Sonnenuntergang zu erleben.

Abseits von meiner Gruppe saß ich auf einem Hügel. Unter mir der Leuchtturm, der immer wieder im Nebel verschwand – nur um kurze Zeit später wieder aufzutauchen. Ein tiefes Glücksgefühl ergriff mich. Dieser seltene Moment, in dem man vollkommen bei sich ist und sich gleichzeitig mit allem verbunden fühlt.
Während ich beobachtete, wie der Leuchtturm im Nebel verschwand und wieder erschien, formte sich in mir eine tröstliche Erkenntnis – fast wie eine religiöse Einsicht. Auch wenn wir eines Tages sterben und körperlich von dieser Erde verschwinden, bleibt vielleicht dennoch etwas von uns. Eine Spur. Ein Licht. Eine Gegenwart? Es war ein stiller, ergreifender Moment des Verstehens.
Als ich einige Tage später nach Hause zurückkehrte, verstarb mein Vater. Sein Gesicht war vollkommen entspannt – fast friedlich. So, als hätte auch er seinen Leuchtturm gesehen bevor er hinüberschwebte in eine andere Dimension.
Leuchttürme - ein starkes Symbol
Während einer beruflichen Veränderung, die danach folgte, tauchte das Bild des Leuchtturms immer wieder in mir auf. Es wurde zu einem Anker für Zuversicht, Hoffnung und Vertrauen.

Ein wichtiger Leuchtturm für mich war der Reiseschriftsteller Paolo Rumiz, geboren 1947 in Triest. Seine Bücher sind meine Wegmarken – oder eben Leuchttürme – und durch ihn fand ich meinen persönlichen Ausdruck für mein Schreiben. Rumiz verbrachte einmal einen ganzen Monat allein auf einer sturmumtosten winzigen Insel im Mittelmeer und lebte im Leuchtturmhaus. Der ruhelose Wanderer, Journalist, Segler und Entdecker erlebte dort etwas, das heute selten geworden ist: absolute Einsamkeit und Abgeschiedenheit. Rumiz lernte, dem Wind zuzuhören. Dem Meer. Den Geräuschen der Stille.
Wie sehr ich mich in seinen Wahrnehmungen wiederfinde – und wie stark die Sehnsucht nach solcher Stille auch in mir lebt.
Alleinsein - All-ein-sein
In Jenen Monaten, in der weltweit das kollektive „Eingesperrt sein“ ausbrach, ging es mir deshalb erstaunlich gut. Ich begann die Einsamkeit als Geschenk zu sehen. Auf meinen einsamen Wanderungen lernte ich zu lauschen, zu schauen und zu reflektieren.
In dieser Zeit entstand mein Buch Gehen zur inneren Freiheit finden.

Leuchtturm im Delta del Po
Selten hat mich eine Region so sehr in ihren Bann gezogen wie die Po-Ebene. Viele, denen sich der besondere Reiz dieser Landschaft nicht erschließt, tun sie als „fad“ ab. Mich jedenfalls hat sie schon immer auf geheimnisvolle Weise angezogen – und so machte ich mich vor einigen Jahren auf, sie zu entdecken.
Mehrere Tage wohnte ich in einem kleinen Agriturismo, um das Delta zu erkunden. Zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Auf einer Bootstour erfuhr ich eine faszinierende Wasser- und Naturlandschaft. Zwischen Wasser und Himmel, zwischen Bewegung und Stille, zwischen Meer und Fluss.
Nur wenige Meter wagte sich unser Capitano mit dem kleinen Boot hinaus auf das offene Meer. Die Dämmerung setzte ein, und in der Ferne kreiste – wie das Auge eines Zyklopen – der Scheinwerfer eines Leuchtturms. Sein Licht tastete über das Wasser, als wolle es verirrten Seelen den Weg weisen.
Die acht Menschen auf dem Boot verstummten gleichzeitig, denn wir alle spürten die Magie dieses Augenblicks.

Die freie Frau und das Meer
Auf einer mehrwöchigen Reise in den Süden Italiens erkundete ich den „Sporn“ dieses wunderbaren Landes – die Halbinsel Gargano. Von dort aus nahm ich an einer geführten Bootstour entlang der zerklüfteten Südküste teil. Begeistert von den fantastischen Grotten, in die wir mit dem Boot hineinfuhren, hätte ich beinahe eine außergewöhnliche Geschichte überhört, die unser Guide erwähnte: die Geschichte eines Leuchtturms und seiner Wärterin.
Maria Rita di Loreto lebte mehr als 35 Jahre lang in einem Leuchtturm auf einer ins Meer hinausragenden Klippe. Ein Frauenleben in Freiheit und Einsamkeit – hoch über dem Meer.
Nach ihrer Scheidung bewarb sie sich auf eine ausgeschriebene Stelle als Leuchtturmwärterin – und erhielt sie. Als erste Frau in der Geschichte Italiens. Wie sehr muss diese Frau die Freiheit, die Einsamkeit und das Meer geliebt haben, um an einem solch exponierten Ort jahrzehntelang allein zu leben!

Leuchttürme im Alltag
Zwischen all meinen Reisen entfaltet sich mein ganz normales Leben – mit seinen Freuden, Glücksmomenten sowie seinen Höhen und Tiefen. Wie die meisten von uns erlebe auch ich Krisen, Zeiten der Trauer und Momente des Abschiednehmens. Und über allem steht das große Lebensthema: lernen, loslassen zu können.
Wenn ich heute an all diese Orte zurückdenke – an Finisterre, an die Küsten des Gargano, an die stillen Wasserarme des Po-Deltas – dann sehe ich sie wieder vor mir: die Leuchttürme.
Sie erinnern mich daran, wieder aufmerksamer zu sein, damit ich die imaginären Leuchttürme nicht übersehe. Ihr Lichtstrahl ist oft nicht sofort erkennbar. Er kann in einer aufschlussreichen Begegnung mit einem besonderen Menschen aufleuchten, in einem Buch, das mir scheinbar „zufällig“ in die Hände fällt, oder in einem Moment des Innehaltens.
Denn genau in Momenten der Stille, des in sich Hineinhorchens leuchten sie am hellsten.
Denn das Leben ist erstaunlich kreativ, wenn es uns solche Leuchttürme schickt.
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